Glyphosat – eine Substanz, an der sich die Geister scheiden (Teil 1)

Richterhammer als Symbol für das Monsanto-Tribunal

Einführung

Das Thema „Glyphosat“ verfolgt mich schon seit geraumer Zeit. Gerade das Quartal 2017 war in dieser Hinsicht überaus ergiebig, als in der Europäischen Union eine Entscheidung anstand, ob der Herbizid-Wirkstoff eine erneute Zulassung in der EU erhalten soll oder nicht.

In diesem Zusammenhang kam mir die Dokumentation „Roundup, der Prozess“ (Anm.: Derzeit ist die Dokumentation leider nicht mehr in der ARTE-Mediathek verfügbar) gelegen, die Mitte Oktober 2017 auf ARTE ausgestrahlt wurde. Als Dreh- und Angelpunkt der Reportage wählte die Regisseurin Marie-Monique Robin das „Monsanto-Tribunal“, das vom 14. bis 16. Oktober 2016 in Den Haag tagte. Dabei handelte es sich um einen symbolischen Prozess, der die Geschäftspraktiken des US-Konzerns Monsanto im Hinblick auf die mögliche Verletzung von Menschenrechten untersuchen sollte. Vertreter von Monsanto nahmen nicht an der Veranstaltung teil, verfassten aber hierzu einen offenen Brief.

Die in der Dokumentation vorgebrachten Fakten und Anschuldigungen stimmten mich wütend, aber auch nachdenklich. Handelt es sich bei dem Wirkstoff, der seit 40 Jahren weltweit im Einsatz ist, tatsächlich um eine derartig gefährliche und schädliche Substanz? Und warum gibt es dann eine Vielzahl von Berichten und Einschätzungen, die das genaue Gegenteil bezeugen und Glyphosat als unbedenklich einstufen? Dieser offensichtliche Widerspruch ließ mir keine Ruhe. Also machte ich mich selbst auf Spurensuche, um der Wahrheit ein Stück weit näherzukommen.


Übersicht

1. Einführung

2. Was ist Glyphosat?

3. Was sind Komplexbildner? Inwiefern ist das relevant?

3.1 Glyphosat und Wasserlöslichkeit

3.2 Welche Gefahr kann von Glyphosat als Komplexbildner ausgehen?

3.3 Fall Sri Lanka


Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist der Name der chemischen Verbindung N-(Phosphonomethyl)glycin, die aufgrund ihres Einsatzes als Herbizid weltweit bekannt geworden ist. Allerdings ist dies nur ein Anwendungsbereich, in dem Glyphosat eingesetzt wird. Die folgenden US-amerikanischen Patente geben weitere Rückschlüsse:

  1. 1964: Stauffer Chemical veröffentlicht das US-Patent 3,160,632. Darin werden chemische Verbindungen beschrieben, aus denen Jahre später Glyphosat abgeleitet wurde. Das besondere an diesen Verbindungen und deren Derivate: Es handelt sich um sogenannte Komplexbildner, auch Chelatbildner genannt.
  2. 1974: Monsanto veröffentlicht das US-Patent 3,799,758. Darin wird die Wirkung von Glyphosat als Herbizid geschildert.
  3. 2010: Monsanto veröffentlicht das US-Patent 7,771,736 B2. Darin wird die Anwendung von Glyphosat in Verbindung mit anderen chemischen Verbindungen zur Prävention und Therapie potenziell krankmachender, mikrobieller Infektionen beschrieben.

Gerade der erst- und letztgenannte Anwendungsbereich wird vielen Lesern neu sein. Monsanto macht daraus auch kein Geheimnis, sondern gibt dies auf Nachfrage offen zu:

»Regarding your question, it is true that glyphosate is a chelator and that it has some antimicrobial properties.«

John Vicini, Ph.D., Food Safety Scientific Affairs Lead, Monsanto Company auf GMOAnswers.com, Stand: 22.01.2018

Nachfolgend werden die drei genannten Anwendungsbereiche und deren Bedeutung unter die Lupe genommen.


Was sind Komplexbildner? Inwiefern ist das relevant?

Komplexbildner sind in der Lage, Metalle bzw. Metall-Ionen zu binden. Doch was bedeutet das konkret? Bei meinen Nachforschungen bin ich über eine wissenschaftliche Erklärung gestoßen, die die Wirkung von Komplexbildnern folgendermaßen beschreibt:

»Komplexbildner entfernen ebenfalls Ionen aus Wasser oder Schmutz. Je nach Art des Komplexbildners werden nicht nur härtebildende Ionen, sondern auch andere Metall-Ionen chemisch gebunden (-> 4.5.2 und 4.16). (…) Metall-Ionen verbessern die Haftung von Schmutz an Oberflächen und erhöhen den Zusammenhalt von Schmutzpartikeln. (…) Verschmutzungen sind deshalb besser entfernbar, wenn ihnen die Metall-Ionen entzogen werden.«

Prof. Blumes Bildungsserver für Chemie, Kapitel 4.5 & 4.5.1, Stand: 22.01.2018

Demnach können Komplexbildner also zur Reinigung und Entkalkung eingesetzt werden, da sie u.a. in der Lage sind, Metall-Ionen zu binden und somit die Entfernung von Schmutz erleichtern. Allerdings kann diese Eigenschaft mit unerwünschten Nebeneffekten verbunden sein, da auch giftige Schwermetalle freigesetzt werden können:

»Daher können auch giftige Schwermetalle aus Sedimenten remobilisiert werden, die dann in das Wasser und somit in die Nahrungskette gelangen können.«

Prof. Blumes Bildungsserver für Chemie, Kapitel 4.5.2, EDTA, Stand: 22.01.2018

Demzufolge ist Glyphosat – in seiner Eigenschaft als Komplexbildner – also nicht nur prinzipiell in der Lage, Metalle aus der Umwelt herauszulösen und zu binden, sondern kann diese auch wasserlöslich machen.


Glyphosat und Wasserlöslichkeit

Wellen auf einer Wasseroberfläche

Ist Glyphosat überhaupt wasserlöslich? Das Infoportal Glyphosat sagt hierzu, dass der Wirkstoff nur eine geringe Wasserlöslichkeit aufweist. Andere Quellen bestätigen dies. Ungeachtet dessen wird Glyphosat vom Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) als gewässergefährdend eingestuft (siehe Eintrag in der GESTIS-Stoffdatenbank, Stand: 22.01.2018). Außerdem kommen bei Glyphosat-haltigen Herbiziden in erster Linie Glyphosatsalze zum Einsatz, eben weil diese eine bessere Wasserlöslichkeit aufweisen:

»Denn im Gegensatz zu den Glyphosatsalzen hat Glyphosat nur eine geringe Wasserlöslichkeit und kann nicht in verdünnter Form auf Unkräuter gesprüht werden.«

„Der Wirkmechanismus von Glyphosat“ auf www.Glyphosat.de, Stand: 22.01.2018.

Folgende Informationen können wir an dieser Stelle also festhalten:

  • Glyphosat ist ein Komplexbildner und deshalb prinzipiell in der Lage, Metall(-Ionen) zu binden
  • Der Wirkstoff verfügt nur über eine geringe Wasserlöslichkeit
  • Aus diesem Grund kommen in Herbiziden Glyphosatsalze zum Einsatz, die eine höhere Wasserlöslichkeit aufweisen; Glyphosat wird also auf Umwegen wasserlöslich gemacht.


Welche Gefahr kann von Glyphosat als Komplexbildner ausgehen?

1.) Mögliche Wasserverunreinigung

Kann es also geschehen, dass Glyphosat ins Grundwasser und damit in unser Trinkwasser gerät? Ja, das kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass dies geschieht, eher gering sein dürfte:

»Glyphosat bindet fest an die meisten Bodentypen. Die Wahrscheinlichkeit ist daher sehr gering, dass Glyphosat über tiefere Erdschichten ins Grund- und Trinkwasser gelangt.«

Informationsbroschüre „Pflanzenschutz mit dem Wirkstoff Glyphosat“ der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat, S. 16, Stand: 23.01.2018

Doch wenn es prinzipiell möglich ist, dass Glyphosat ins Grundwasser gelangen kann, dann gilt dies auch für jene im Erdreich vorhandenen Metall-Ionen, die es in seiner Rolle als Komplexbildner an sich gebunden und damit wasserlöslich gemacht hat. Und diese Überlegung führt uns zu einer Hypothese, die in einem Land zu einem Verbot von Glyphosat geführt hat.


Fall Sri Lanka

Wirkstoffe werden auf einem Reisfeld versprüht

Im Dezember 2014 erließ die Regierung von Sri Lanka vorsorglich Restriktionen, die u.a. den Einsatz von Glyphosat einschränkte. Diese Maßnahme ging auf eine wissenschaftliche Abhandlung von Dr. Channa Sudath Jayasumana zurück, der Untersuchungen zur sich ausbreitenden chronischen Nierenkrankheit unbekannter Ursache (englische Abk.: CKDu) in seinem Land anstellte (Quellen: www.Glyphosat.de, UCANews.com). Er kam zu der Einschätzung, dass der starke Anstieg an CKDu-Erkrankungen in Sri Lanka auf den Einsatz von Pestiziden und chemischen Düngern zurückzuführen ist. Besonders Glyphosat als Komplexbildner stehe im Verdacht, das Grundwasser mit Schwermetallen belastet zu haben, die für den Mensch giftig sind. Über die Wasser- und Nahrungsaufnahme würden sich die im Grundwasser gelösten Schwermetalle letztlich in den Nieren ablagern und besagte chronische Nierenkrankheit auslösen.

Zwar sind die Kausalzusammenhänge nicht abschließend geklärt und die aufgestellten Hypothesen von Dr. Channa Sudath Jayasumana nicht wissenschaftlich belegt – eindeutig widerlegt wurden seine Argumente allerdings auch noch nicht. In einer Stellungnahme des Infoportals Glyphosat wird u.a. angeführt, dass es keinerlei Hinweise gäbe, die auf einen Zusammenhang von CKDu-Erkrankungen und dem Einsatz von Glyphosat-haltigen Produkten hindeute (Quelle: www.Glyphosat.de).


2.) Mögliche Pflanzenkrankheiten & Unfruchtbarkeit von Böden

Abbildung einer kranken Pflanze; Mangel an Spurenelementen durch Glyphosat?

Wenn Glyphosat als Komplexbildner Metallionen bindet, so gilt dies auch für nützliche Spurenelemente, die im Erdreich vorliegen:

»Beim Versprühen von Glyphosat werden wichtige Mineralien gebunden und dadurch unbeweglich gemacht. Vor allem Spurenelemente wie Kupfer, Mangan, Zink. Diese Mineralien sind notwendig für das Wachstum der Pflanzen.«

Don Huber, US-amerikanischer Phytopathologe in der Dokumentation „Roundup, der Prozess“

Wie bereits erwähnt bindet Glyphosat fest an die meisten Bodentypen. Des Weiteren stellt die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat heraus, dass der Wirkstoff im Boden durch Mikroorganismen abgebaut wird (Quelle: Informationsbroschüre „Pflanzenschutz mit dem Wirkstoff Glyphosat“ der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat, S. 16). Wie schnell der Abbau vor sich geht, hängt allerdings von verschiedenen Faktoren ab, die die Aktivität dieser Mikroorganismen beeinflussen. Demzufolge kann der Abbau von Glyphosatrückständen von Ort zu Ort unterschiedlich lange andauern:

»So wies Glyphosat in Laborversuchen mit feuchtem französischem Lehmboden eine Halbwertszeit von etwa 14 Tagen auf, während Forscher in Iowa 142 Tage maßen. Der Hersteller Monsanto verweist auf eine Metastudie amerikanischer Forscher, die eine durchschnittliche Halbwertszeit von 32 Tagen errechneten.«

„Glyphosat: Nützliches Gift“ von afrey, echt, larm, sks, UvR auf FAZ.NET, Stand: 22.01.2018

Demzufolge stehen die durch das Glyphosat gebundenen Metalle den nachwachsenden Pflanzen – abhängig vom Standort – für einen begrenzten Zeitraum nicht mehr zur Verfügung, der sich verlängert, je öfter dieses Herbizid auf den jeweiligen Feldern ausgebracht wird. Fehlen aber jene Spurenelemente, die für das Wachstum der Nutzpflanzen zwingend erforderlich sind, so könnte das zu Ernteausfällen (z.B. durch Pflanzenkrankheiten) führen. Schlimmstenfalls könnte der Boden unfruchtbar werden, bis die fehlenden Spurenelemente dem Erdreich wieder zugeführt worden sind.

Im nächsten Teil der Serie geht es um die antimikrobiellen Eigenschaften von Glyphosat.