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Glyphosat – eine Substanz, an der sich die Geister scheiden (Teil 2)

Kampf gegen Bakterien: Wirkt Glyphosat wie ein Antibiotikum?

Das Patent, in dem es um die Prävention und Therapie potenziell krankmachender, mikrobieller Infektionen mittels Glyphosat geht, liest sich zunächst einmal unspektakulär (siehe hierzu die Ausführungen im ersten Teil der Serie). Aber welchen Schluss lässt das US-Patent 7,771,736 B2 zu? Handelt es sich bei diesem Wirkstoff etwa um eine Art von Antibiotikum?


Übersicht

Zum ersten Teil der Serie

4. Glyphosat = Antibiotikum?

4.1 Zahlreiche Fragen, die einer Antwort bedürfen

4.2 Ist Glyphosat bei Rindern für Botulismus mitverantwortlich?

4.3 Entscheidend ist die chronische Toxizität


Glyphosat = Antibiotikum?

Eine entsprechende Definition auf Wikipedia bestätigt diese Vermutung:

»Als Antibiotikum im weiteren Sinne gilt heute auch eine antimikrobiell eingesetzte Substanz, die in der Natur nicht vorkommt und teilsynthetisch, vollsynthetisch oder gentechnisch gewonnen wird.«

Artikel „Antibiotikum“ auf Wikipedia, Stand: 30.01.2018

Andere Wissenschaftler sind zur selben Schlussfolgerung gelangt:

»Glyphosat ist damit de facto als ein Antibiotikum deklariert. Das ist an sich nichts Neues, das ist nur nicht im öffentlichen Bewusstsein.«

Maria Finckh (Agrarwissenschaftlerin) im Interview mit Pamela Dörhöfer auf FR.de, Stand: 30.01.2018

Mit dieser Information im Hinterkopf muss man den Einsatz von Glyphosat aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten. Denn schon Alexander Fleming, der 1945 mit zwei weiteren Forschern den Nobelpreis für die Entdeckung des Antibiotikums Penizillin erhielt, warnte am Ende seiner damaligen Ansprache vor Resistenzen, die durch dessen unbedachte Anwendung hervorgerufen werden können (Quellen: FAZ.NET, Nobelprize.org).


Zahlreiche Fragen, die einer Antwort bedürfen

Was passiert also, wenn das Erdreich regelmäßig mit Glyphosat in Form von Herbiziden in Berührung kommt (Unkrautbekämpfung)? Welche Auswirkungen hat dies auf die dort lebenden Mikroorganismen? Wird dadurch die Biodiversität gemindert? Inwiefern wirkt sich dies negativ auf den Abbau der Glyphosatrückstände im Boden aus? Und inwiefern führt der Einsatz von Glyphosat bei Baktierien zu (Kreuz-)Resistenzen gegenüber Antibiotika?

Noch beunruhigender wird es, wenn wir diese Fragerunde auf Mensch und Tier ausweiten. Was geschieht eigentlich, wenn wir über die Nahrung Glyphosatrückstände zu uns nehmen, selbst wenn es sich dabei um kleinste Mengen handelt? Inwiefern kann der Konsum von Glyphosatrückständen langfristig z.B. die Darmflora schädigen bzw. beeinträchtigen, die nachweislich ein wichtiger Bestandteil unseres Immunsystems darstellt (siehe hier den Artikel „Immunsystem: Lieber Keimschleuder als Allergiker!“ auf ZEIT ONLINE)? Denn zweifelsfrei nehmen wir die Substanz über die Nahrung auf. In einer Untersuchung des Umweltbundesamtes, die sich über einen Zeitraum von 15 Jahren erstreckte, konnte in rund 400 Proben eine Anreicherung von Glyphosat im Urin festgestellt werden:

»2001 ließ sich der Stoff im Urin bei nur zehn Prozent der studentischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer nachweisen, 2013 fand man es bei knapp 60 Prozent der Testgruppe, zuletzt im Jahr 2015 waren es 40 Prozent.«

„Neue UBA-Untersuchung zu Glyphosat“ auf Umweltbundesamt.de, Stand: 30.01.2018

Andere Studien kamen zu einem ähnlichen Ergebnis (Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung).

Aus Herbizid-Sicht mag Glyphosat vielleicht ein unbedenkliches und vielseitig einsetzbares Unkrautbekämpfungsmittel sein. Dies gilt aber nicht zwingend für die antimikrobielle Wirkung, die von Glyphosat ausgeht.


Ist Glyphosat bei Rindern für Botulismus mitverantwortlich?

Rinder im Stall: Sind Glyphosat-Rückstände im Futter für Botulismus mitverantwortlich?

Seit mehreren Jahren wird die Erkrankung von Rindern an Botulismus – einer Vergiftung des Verdauungstraktes – mit Glyphosat in Verbindung gebracht. Über importiertes Sojafutter nehmen die Tiere Rückstände des Pflanzenschutzmittels auf. Der Verdacht: Glyphosat zerstört im Magen-Darm-Trakt der Kühe das Gleichgewicht der Bakterien und begünstigt somit eine solche Vergiftung. Dieser Zusammenhang konnte aber noch nicht abschließend geklärt werden, auch wenn es entsprechende Hinweise gibt (vergleiche FAZ.NET; MDR.DE):

»Wir haben festgestellt, dass Glyphosat auf die gesundheitsfördernden Bakterien abtötend wirkt, während pathogene oder krankheitsauslösende Bakterienspezies durch das Glyphosat nicht beeinträchtigt werden.«

Prof. Monika Krüger von der Universität Leipzig gegenüber dem Magazin FAKT, Stand: 30.01.2018


Entscheidend ist die chronische Toxizität

Die Schlüsselfrage ist und bleibt, welche Auswirkungen Glyphosat hat, wenn Mensch und Tier der Substanz über einen längeren Zeitraum hinweg ausgesetzt werden bzw. über die Nahrung aufnehmen. Zwar mag Glyphosat akut ziemlich harmlos sein. Dies muss aber noch lange nicht zutreffen, wenn man der Substanz chronisch ausgesetzt wird. Dieser Zusammenhang ist von anderen Wirkstoffen hinlänglich bekannt:

»Wir kennen das von dem Insektizid DDT, das weniger giftig ist als Kochsalz aber bei chronischer Exposition langfristig in geringsten Mengen Pseudohormon-Aktivität zeigt.«

Maria Finckh (Agrarwissenschaftlerin) im Interview mit Pamela Dörhöfer auf FR.de, Stand: 30.01.2018

Was bleibt, ist Unsicherheit – und die Sorge, dass der Einsatz von Glyphosat auf lange Sicht die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt in vielerlei Hinsicht beeinträchtigen könnte. Die Durchführung unabhängiger Studien, gerade in dieser Angelegenheit, scheint mehr als überfällig, um Klarheit zu schaffen. Denn wo Glyphosat als Herbizid eingesetzt wird, werden sich auch zwangsläufig Rückstände in Nahrungsmitteln wiederfinden, die wir zu uns nehmen. Zu diesem Ergebnis kam auch das Magazin ÖKO-TEST (eingeschränkte Artikel-Auszüge finden sich hier und hier):

»Das Magazin Öko-Test hatte im September 2012 offenbart, dass in 14 von 20 Lebensmittelproben Glyphosat enthalten ist – in Mehl, in Haferflocken und auch in Brötchen.«

„Herbizid Glyphosat: Ein gefährliches Wundermittel“ von Stephan Börnecke auf FR.de, Stand: 30.01.2018

Im nächsten Teil der Serie geht es um den Einsatz von Glyphosat-haltigen Herbiziden.