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Glyphosat – eine Substanz, an der sich die Geister scheiden (Teil 3)

Ein Sprühfahrzeug bringt Herbizid(e) auf einem Feld aus

Glyphosat gehört zu den weltweit am meisten eingesetzten Herbizid-Wirkstoffen. Doch woher rührt dessen Beliebtheit? Was hat es mit dem Wiederzulassungsverfahren in der Europäischen Union auf sich? Und warum wird der Einsatz von Glyphosat-haltigen Unkrautbekämpfungsmitteln so kontrovers diskutiert? Genau auf diese Fragen wird hier nun eingegangen.


Übersicht

Zum ersten Teil der Serie

Zum zweiten Teil der Serie

5.1 Was sind Herbizide überhaupt?

5.2 Wie wird Glyphosat als Herbizid angewandt? Wie wirkt es?

5.3 Warum ist Glyphosat als Herbizid so beliebt?

5.4 Potenzielle Schädlichkeit

5.5 Glyphosat und Gentechnik – zwei Begriffe, die schwer voneinander zu trennen sind

5.6 Ungewollte Resistenzen

5.7 Das strittige Reizthema: Ist Glyphosat krebserregend oder nicht?

5.8 Mit Studien werden in der Wissenschaft Schlachten geschlagen

5.9 Die Wiederzulassung von Glyphosat in der Europäischen Union

5.10 Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in der Kritik

5.11 Alternativen zum Herbizid-Wirkstoff Glyphosat


Was sind Herbizide überhaupt?

Herbizide sind Unkrautbekämpfungsmittel. Dabei handelt es sich um Substanzen, die störende Pflanzen abtöten sollen.

Seit der Mensch systematisch Landwirtschaft betreibt, stehen die angebauten Nutz- oder Kulturpflanzen im Wettstreit mit Unkräutern um Wasser, Nährstoffe und Licht. Solange es keine Herbizide gab, war der Mensch gezwungen, die Unkräuter von Hand und später mittels Maschinen zu entfernen (mechanische Beseitigung). Im Zuge des Anbaus großer Monokulturen wurde die Bekämpfung von Unkraut jedoch immer wichtiger und dringlicher, was u.a. den Einsatz von Herbiziden zunehmend attraktiv machte.

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Eisensulfat zur Unkrautbekämpfung eingesetzt. Das erste, hochwirksame Herbizid (2,4-Dichlorphenoxyessigsäure) wurde knapp hundert Jahre später, im Jahr 1942, entwickelt.

Grob wird zwischen zwei Herbizid-Gruppen unterschieden:
1. Selektive Herbizide, die sich nur auf bestimmte Pflanzen auswirken
2. Breitbandherbizide, auch Totalherbizide genannt, die alle Pflanzen gleichermaßen bekämpfen

Quelle: Wikipedia.org


Wie wird Glyphosat als Herbizid angewandt? Wie wirkt es?

Im Jahr 1974 ließ sich das Unternehmen Monsanto die herbizide Wirkung von Glyphosat patentieren (siehe US-Patent 3,799,758). Unter dem Markennamen „Roundup“ wurde das Herbizid von Monsanto fortan weltweit vertrieben. Seit 2000 ist dieses Patent ausgelaufen, weshalb inzwischen von zahlreichen anderen Firmen verschiedene Glyphosat-Produkte angeboten werden (Quellen: manager magazin online, WELT.de).

Bei Glyphosat handelt sich um ein Breitbandherbizid, weshalb es in der Regel vor der eigentlichen Aussaat auf den Feldern angewandt wird, da es ansonsten die Nutzpflanzen (mit Ausnahme von gentechnisch veränderten Arten, siehe folgendes Unterkapitel) ebenfalls abtöten würde.

Der Wirkstoff wird nicht „pur“ ausgebracht, sondern kommt in Verbindung mit anderen Stoffen zum Einsatz, sogenannten Netzmitteln:

»Dem Glyphosat werden Netzmittel beigemischt, damit das Herbizid die wachsartige Schutzschicht der Pflanzenblättern besser durchdringen kann.«

„Glyphosat: Nützliches Gift“ von afrey, echt, larm, sks, UvR auf FAZ.NET, Stand: 22.01.2018

Doch wie wirkt Glyphosat nun auf die Pflanze? Einfach ausgedrückt blockiert es ein Enzym, das für den Stoffwechsel in einer Vielzahl von Pflanzenarten benötigt wird. Dadurch gehen die Pflanzen zugrunde.

»Glyphosat ist tatsächlich fast nur für Pflanzen giftig. Weil Glyphosat ein Eiweißmolekül, ein Enzym blockiert, das ausschließlich im Stoffwechsel von grünen Pflanzen aktiv ist.«

Artikel zur odysso-Sendung „Herbizide: Glyphosat: Wundermittel oder Teufelszeug?“, Stand: 29.01.2018


Warum ist Glyphosat als Herbizid so beliebt?

Grundsätzlich bringt Glyphosat als Herbizid viele wünschenswerte Eigenschaften mit sich. So haben wir bereits erfahren, dass seine „giftige“ Wirkung auf Pflanzen mit einem bestimmten Enzym beschränkt ist und deshalb für Mensch und Tier als unbedenklich gilt (solange die antimikrobielle Wirkung ausgeklammert wird). Als Breitbandherbizid ist es gegen eine Vielzahl von Pflanzenarten einsetzbar. Außerdem bindet es fest an die meisten Bodentypen, wodurch es nur schwer ins Grundwasser gelangen kann. Darüber hinaus wird es von Mikroorganismen im Erdreich abgebaut, so dass es dort – bei sachgemäßer Anwendung – zu keiner nennenswerten Konzentration kommt. Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist, dass der Einsatz Glyphosat-haltiger Herbizide gerade in Verbindung mit genveränderten Nutzpflanzen attraktiv ist (siehe folgendes Unterkapitel). Außerdem wird es seit 40 Jahren erfolgreich in der Landwirtschaft angewandt und gehört zu den Wirkstoffen, die am besten untersucht sind.

»Glyphosat ist seit 40 Jahren auf dem Markt. Es ist eine der am besten untersuchten Substanzen der Welt, es ist das wichtigste Pflanzenschutzmittel.«

Andreas Hensel (Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung) im Interview mit Heike Jahberg von „Der Tagesspiegel“, Stand: 01.12.2017

Warum steht Glyphosat dann eigentlich dermaßen in der Kritik?


Potenzielle Schädlichkeit

In den vorherigen Abschnitten wurde bereits angeführt, welche potenziellen Nachteile mit Glyphosat in seiner Rolle als Komplexbildner (siehe erster Teil) und antimikrobieller Wirkstoff (siehe zweiter Teil) verbunden sein können. Ebenfalls bedenklich ist die Zunahme von Unkräuter, die gegen Glyphosat resistent sind (siehe unten).

Aber nicht nur der Einsatz von Glyphosat an sich kann bedenklich sein, sondern auch die Netzmittel, die dem Wirkstoff beigesetzt werden, um die Wirkungsweise des Herbizids zu verstärken.

»Die herbizide Wirkung von Glyphosat wird besonders durch den Zusatz solcher Netzmittel gezielt verstärkt. Sie begünstigen das Eindringen von Glyphosat in die Pflanzen und sind teilweise toxischer als der Wirkstoff.«

„Fragen und Antworten zur Bewertung des gesundheitlichen Risikos von Glyphosat“, ausgearbeitet vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vom 1. März 2016

In diesem Zusammenhang sind in der Vergangenheit schon Netzmittel in Verruf geraten, weshalb einige Mischungen in ihrer damaligen Zusammensetzung in Deutschland nicht wieder zugelassen wurden (Quelle: FAZ.NET).

Zudem kann die Pflanzenwelt durch den Einsatz von Glyphosat verarmen, was sich unmittelbar auf die Artenvielfalt auswirkt.


Glyphosat und Gentechnik – zwei Begriffe, die schwer voneinander zu trennen sind

Der Anbau von genverändertem Soja befeuerte den Einsatz von Glyphosat-haltigen Herbiziden

Wenn es um das Thema Glyphosat-haltige Herbizide geht, kommt man zwangsläufig auch mit dem Thema Gentechnik in Berührung. Warum ist das so?

Wie bereits erwähnt handelt es sich beim Wirkstoff Glyphosat um ein Breitbandherbizid. Bei einer Ausbringung auf einem Feld würde also das Herbizid nicht nur Unkräuter abtöten, sondern auch die Kulturpflanzen. Folglich ist es nicht ratsam, Glyphosat zum Einsatz zu bringen, solange die Ernte auf den Feldern gedeiht.

Dieser Nachteil brachte die Forscher von Monsanto auf eine Idee: Was wäre, wenn die Beschaffenheit gewisser Nutzpflanzen so weit verändert werden könnte, dass sie gegen Glyphosat resistent wären und dem Wirkstoff widerstehen könnten? Dann ließe sich das Herbizid nämlich ohne eine Beeinträchtigung der Nutzpflanzen auch während der Wachstumsperiode auf den Feldern ausbringen.

So kam es, dass Mitte der 1990er Jahre die ersten gentechnisch veränderten Pflanzen auf den Markt kamen, die unter der Bezeichnung „Roundup Ready Crops“ vermarktet wurden. Diese gentechnisch veränderten Organismen (Abk.: GVO) konnten, wie es die Bezeichnung schon andeutete, jederzeit mit dem Glyphosat-haltigen Herbizid „Roundup“ von Monsanto behandelt werden.

Falls also Glyphosat als Herbizid verboten werden würde, wäre das zwangsläufig auch mit Einbußen beim Verkauf von GVO-Saatgut verbunden:

»Deutlich wichtiger und profitabler ist die Saatgutsparte – aber die lebt indirekt auch vom Glyphosat, weil sie genetisch veränderte, glyphosatresistente Pflanzen (vor allem Mais und Soja) verkauft.«

„Die wichtigsten Fakten zu Glyphosat: Warum Glyphosat so wichtig für Bayer ist“ von Arvid Kaiser auf manager magazin online, Stand: 30.01.2018

Wahrscheinlich ist dieser Aspekt auch einer der Hauptgründe, warum das Thema Glyphosat dermaßen kontrovers in den Medien und in der Politik diskutiert wird. Wenn das Herbizid verboten werden würde, würde damit auch indirekt die umstrittene Gentechnik aufs Abstellgleis gestellt:

»Wenn man politisch Glyphosat kippt, kippt man damit auch die Gentechnik. Daher kommt auch der politische Furor.«

Andreas Hensel (Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR)) im Interview mit Heike Jahberg von „Der Tagesspiegel“, Stand: 01.12.2017


Ungewollte Resistenzen

Bei Kultur- oder Nutzpflanzen sind Resistenzen gegen den Wirkstoff Glyphosat bewusst herbeigeführt. Dies gilt aber keineswegs für Unkräuter.

In den USA, einem der Vorreiter beim Anbau und der Produktion von gentechnisch veränderten Organismen, gelten bereits über ein Dutzend Unkräuter als resistent gegenüber Glyphosat. Dies bestätigt auch die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat und führt die Ursache auf unsachgemäße Anwendung von Glyphosat zurück:

»Oftmals beschränkt sich die Unkrautbekämpfung in diesen Fällen auf den alleinigen Einsatz eines Wirkstoffs, was jedoch nicht der guten fachlichen Praxis bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln entspricht.«

Informationsbroschüre „Pflanzenschutz mit dem Wirkstoff Glyphosat“ der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat, S. 18, Stand: 23.01.2018

Das leuchtet ein: Je öfter ein Wirkstoff angewandt wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Organismen darauf einstellen und Resistenzen ausbilden. Das kann nicht im Interesse des Landwirts sein, weil auf lange Sicht eine höhere Menge an Herbiziden eingesetzt werden muss, um dasselbe Resultat zu erzielen.

»Anders als von der Industrie versprochen, hat aber der Pestizid-Verbrauch keineswegs ab-, sondern zugenommen.«

„Herbizid Glyphosat: Ein gefährliches Wundermittel“ von Stephan Börnecke auf FR.de, Stand: 30.01.2018

Gewiss ist es für den Landwirt „bequemer“ und mit einer gewissen Zeitersparnis verbunden, wenn stets nur ein Mittel auf den Feldern ausgebracht werden muss. Langfristig schadet er sich mit dieser Vorgehensweise aber nur selbst. Aus diesem Grund wird der Einsatz von Glyphosat im Wechsel mit alternativen Wirkstoffen, mechanischer Bodenbearbeitung und wechselnder Fruchtfolge empfohlen.


Das strittige Reizthema: Ist Glyphosat krebserregend oder nicht?

Vorneweg: Ich maße mir nicht an, diese komplexe Frage zu beantworten. Alles, was mit diesem Thema zu tun hat, ist äußerst verworren und undurchsichtig. Die jeweiligen Parteien bezichtigen sich gegenseitig – wie bei anderen kritischen Fragestellungen auch – der Inkompetenz, der Befangenheit oder sehen die entsprechenden Studien aus diversen Gründen nicht als aussagekräftig oder stichhaltig an.

»Auffällig ist bei Glyphosat jedoch die Diskrepanz zwischen unabhängigen Studien und jenen der Industrie.«

„Glyphosat: Wie Monsanto ein Verbot von Glyphosat verhindert“ von Silvia Liebrich auf SZ.de, Stand: 31.01.2018

Ich möchte an dieser Stelle lediglich zwei Beispiele nennen, die die vertrackte Situation veranschaulichen sollen:

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kam zu der Einschätzung, dass Glyphosat für den Mensch nicht krebserregend ist:

»Das BfR kommt nach Prüfung aller bislang vorliegenden Studien, Dokumente und Veröffentlichungen (…) zu dem Ergebnis, dass nach derzeitiger wissenschaftlicher Kenntnis bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Glyphosat kein krebserzeugendes Risiko für den Menschen zu erwarten ist.«

„Fragen und Antworten zur Bewertung des gesundheitlichen Risikos von Glyphosat“, ausgearbeitet vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vom 1. März 2016, Stand: 31.01.2018

Weitere Informationen, z.B. nach einem verantwortlichen Ansprechpartner oder welche Studien diesem Ergebnis zugrundeliegen, sucht man vergeblich.

Der US-amerikanische Bio-Chemiker Anthony Samsel ging einen anderen Weg: Er forderte die von Monsanto an die EPA (Environmental Protection Agency; Abk. der amerikanischen Umweltschutzbehörde) übergebenen Unterlagen an, die für eine Zulassung von Glyphosat in den 1970er und 1980er Jahren eingereicht werden mussten und dem Handels- bzw. Betriebsgeheimnis unterliegen. Tatsächlich erhielt er, dank der Unterstützung eines Senators, die versiegelten Dokumente ausgehändigt – allerdings mit strengen Auflagen: Es ist ihm untersagt, die Dokumente zu vervielfältigen, und darf auch sonst niemandem Einsicht gewähren; er darf aber über seine Erkenntnisse sprechen und berichten (Quellen: Umweltinstitut München e.V., Health Impact News). Aus diesem Grund lässt sich leider nicht nachprüfen, inwiefern die Schlussfolgerungen zutreffen, die er zusammen mit Stephanie Seneff im Papier „Glyphosate, pathways to modern diseases IV: cancer and related pathologies“ zieht. Samsel zufolge finden sich in den Monsanto-Unterlagen die Ergebnisse zu kurz- und langfristigen Tierversuchen an Mäusen, Ratten, Kaninchen und Hunden. Aus diesen Testversuchen geht hervor, dass das Risiko von Tumoren und Karzinomen zunahm, je höher die verabreichte Glyphosat-Menge war. Dies sei ein klares Indiz, dass Glyphosat krebserregend ist.

Wem soll man – in diesen beiden Fällen – also eher Glauben schenken? Einer Institution, die ihre Ergebnisse anonym veröffentlicht (mehr dazu in folgendem Unterkapitel) oder einem Mann, der zwar mit seiner Reputation einsteht, aber dessen Rückschlüsse nicht nachvollzogen werden können, weil außer ihm niemand die entsprechenden Dokumente einsehen darf?

Diese beiden Beispiele stehen sinnbildlich für die verhärtete Diskussion, in der jede Seite die Wahrheit für sich beansprucht und die Öffentlichkeit ratlos zurückbleibt.


Mit Studien werden in der Wissenschaft Schlachten geschlagen

Der Umgang mit wissenschaftlichen Studien ist nicht sonderlich transparent

Doch warum gibt es eigentlich diese Diskrepanzen? Gibt es denn nach mehr als 40 Jahren nicht bereits mehr als genug Studien, um zu einem abschließenden Urteil zu kommen?

Im ersten Schritt sind Unternehmen in der Pflicht, Studien anzufertigen, welche die Unbedenklichkeit ihrer Produkte unter Beweis stellen. Das ist nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig. Aber warum dürfen diese Studien – ungeachtet der Kosten – ausgerechnet von jenen Unternehmen angefertigt oder in Auftrag gegeben werden, die ausschließlich ein Interesse daran haben, dass ihr Produkt auf den Markt kommt? Für mich ist das ein schwerwiegender Interessenskonflikt, vergleichbar mit der Handhabe bei Rating-Agenturen. Und warum müssen nicht sämtliche Studien, unabhängig von ihren Ergebnissen, veröffentlicht werden? Denn in vielen Fällen bleiben Studien unter Verschluss.

»Hinzu komme, dass Studien mit unerwünschten Ergebnissen nicht veröffentlicht werden müssten.«

„Glyphosat: Wie Monsanto ein Verbot von Glyphosat verhindert“ von Silvia Liebrich auf SZ.de, Stand: 31.01.2018

Bei einer solchen Verfahrensweise ist aufseiten der Unternehmen die Versuchung groß, die unerwünschten Ergebnisse unter den Teppich zu kehren und ihr Produkt in einem positiven Licht darzustellen. Wäre es da nicht besser, wenn diese Studien von unabhängigen Instituten angefertigt werden, die sicherstellen, dass am Ende alle Fakten auf den Tisch kommen?

Aber selbst hier sind manche Unternehmen einfallsreich: Aus internen Dokumenten geht hervor, dass Monsanto-Mitarbeiter im Verborgenen Studien verfasst haben, die sie dann nur noch von externen Forschern redigieren und unterzeichnen ließen (Quelle: SZ.de).

Auch die Versiegelung von Studien aus Gründen des Betriebs- oder Handelsgeheimnisses (siehe Fall Samsel) halte ich persönlich für mehr als fragwürdig, besonders dann, wenn es um Fragen des öffentlichen Interesses geht. In den meisten Fällen wird ohnehin nur der Deckmantel des Schweigens über eine Sache gelegt, wenn es etwas zu verbergen oder zu vertuschen gibt. Wenn wir also in demokratischen Staaten leben, dann sollten solche Studien und deren Ergebnisse der Bevölkerung ohne Einschränkung zugänglich gemacht werden (Stichwort: Transparenz). Nur auf diese Weise kann der Wahrheitsgehalt von Behauptungen nachvollzogen werden.

Andernfalls kommt es zu jener verfahrenen Situation, die nicht nur beim Thema „Glyphosat“ anzutreffen ist und über die selbst gestandene Behörden und Institutionen miteinander in Streit geraten (schöner Artikel hierzu findet sich auf MDR.DE). Die damit verbundene gegenseitige Schuldzuweisung und zunehmende Polarisierung helfen niemandem weiter – außer vielleicht den jeweiligen Unternehmen, die derweil ihr Produkt ungeachtet der geäußerten Bedenken zunächst munter weiterverkaufen können.


Die Wiederzulassung von Glyphosat in der Europäischen Union

Für die Neubewertung von Glyphosat ist in der EU Deutschland zuständig

Alle zehn Jahre wird in der Europäischen Union routinemäßig die Wiederzulassung von Pestizid- und Herbizid-Wirkstoffen überprüft.

Dabei wird in der EU ein zweistufiges Verfahren angewandt. Zunächst wird der Wirkstoff in einem Gemeinschaftsverfahren geprüft und bei Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen auf EU-Ebene zur Verwendung freigegeben. Danach benötigt jeder Wirkstoff eine Zulassung, die von den Mitgliedsstaaten erteilt werden muss (Quelle: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft).

Da die letzte Genehmigung von Glyphosat im Jahr 2001 erfolgte, kam es 2012 zur Neubewertung des Wirkstoffs. Hauptverantwortlich für die Neubewertung von Glyphosat in der EU ist Deutschland. Ende 2014 übergab daher das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) seinen vorläufigen Glyphosat-Bewertungsbericht an die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Dieser Bericht wurde dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, damit hierzu Stellungnahmen eingereicht werden konnten. Das BfR erstellte dann bis Anfang 2015 weitere, überarbeitete Fassungen seiner Neubewertung (Quelle: MDR.DE).

Ende November 2017 kam es dann in Deutschland zum Eklat: Der Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) gab eigenmächtig in Brüssel – stellvertretend für Deutschland – sein Votum zugunsten einer Verlängerung der Zulassung von Glyphosat ab. Dabei hatte sich der Koalitionspartner SPD, auch in Gestalt der Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, gegen eine Verlängerung ausgesprochen, was laut Geschäftsordnung der Bundesregierung eigentlich eine Enthaltung in Brüssel zur Folge gehabt hätte.

Durch Schmidts Alleingang votierten am Ende 18 der 28 EU-Länder für den Vorschlag der EU-Kommission, die Zulassung des Wirkstoffs Glyphosat um fünf Jahre zu verlängern. Hätte sich Deutschland hingegen enthalten, hätte stattdessen die EU-Kommission in letzter Instanz über die Zulassung entscheiden müssen (Quellen: SPIEGEL ONLINE, FAZ.NET).

Warum wurde die Zulassung aber nicht um 10 Jahre verlängert? Weil sich das EU-Parlament – auch aufgrund der widersprüchlichen wissenschaftlichen Bewertungen des Wirkstoffs – im Oktober 2017 für ein endgültiges Verbot von Glyphosat bis Ende 2022 ausgesprochen hatte (Quelle: Onlineauftritt des Europäischen Parlaments). Zudem beschloss das EU-Parlament einen Sonderausschuss einzurichten, der das EU-Zulassungsverfahren für Pestizide durchleuchten soll. Dieser Sonderausschuss wird voraussichtlich im März 2018 seine Arbeit aufnehmen (Quellen: Onlineauftritt des Europäischen Parlaments, derStandard.de).


Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in der Kritik

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wurde 2002 nach der BSE-Krise gegründet. Es handelt sich um eine wissenschaftlich unabhängige Einrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Das Institut berät die Bundesregierung und die Bundesländer zu Fragen der Lebensmittel-, Chemikalien- und Produktsicherheit (Quelle: Bundesinstitut für Risikobewertung).

Im Zuge der Wiederzulassung von Glyphosat in der Europäischen Union kam dem BfR eine maßgebliche Rolle zu (siehe oben). Gerade in diesem Zusammenhang sah sich das Institut mit unterschiedlichen Anschuldigungen konfrontiert, u.a. mit Plagiatsvorwürfen bzgl. des Gutachtens an die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) konfrontiert:

»Die systematische Unterlassung von Quellenangaben und das gezielte Entfernen von Hinweisen auf die tatsächlichen Verfasser der Texte lässt sich nur als bewusste Verschleierung ihrer Herkunft deuten. Es ist offensichtlich, dass das BfR keine eigenständige Bewertung der zitierten Studien vorgenommen hat.«

Dr. Stefan Weber, Plagiatsprüfer in der Presseinformation „Plagiatsvorwurf gegen Glyphosat-Bericht des BfR durch Gutachten bestätigt“ der Organisation PAN Germany, Stand: 31.01.2018

Die Antwort des BfR folgte prompt:

»Man tut aber dem öffentlichen Diskurs keinen Gefallen, wenn Wissenschaft diskreditiert wird und dies auf Unkenntnis der gesetzlichen nationalen und internationalen Verfahren beruht.«

Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), in einer Presseinformation des BfR, Stand: 31.01.2018

Außerdem wurde dem Institut vorgeworfen, Leserbriefe von Monsanto als Studien anerkannt zu haben:

»Recherchen der Süddeutschen Zeitung zeigen, dass für eine Neubewertung der Krebsrisiken unter anderem Leserbriefe an eine Fachzeitschrift als Studien gewertet werden. Ein großer Teil stammt von Wissenschaftlern, die direkt oder indirekt für einen der größten der Glyphosat-Hersteller arbeiten, den US-Agrarkonzern Monsanto.«

„Kampf um Glyphosat: Wenn Leserbriefe von Monsanto als Studien gelten“ von Silvia Liebrich auf SZ.de, Stand: 31.01.2018

Ein Lapsus, der die Expertise des BfR ebenfalls infrage stellt, ist die Behauptung, dass Glyphosat kein Antibiotikum sei. So heißt es dort in einem Papier:

»Nach den vorliegenden umfangreichen toxikologischen Daten gibt es jedoch bisher keine Anzeichen für eine spezifische antibakterielle Wirkung von Glyphosat. (…) Glyphosat ist kein Antibiotikum.«

„Hat Glyphosat möglicherweise schädliche Auswirkungen auf die Darmflora von Mensch und Tier?“, Stellungnahme Nr. 033/2012 des BfR vom 14. August 2012, Stand: 31.01.2018

Das Magazin „FAKT“, das zum Thema Botulismus (siehe Ausführungen im zweiten Teil) recherchierte, teilte dem BfR in diesem Zusammenhang das US-Patent 7,771,736 von Monsanto mit, in dem der US-Konzern die antimikrobielle Wirkung von Glyphosat beschreibt. Vom BfR kam daraufhin keinerlei Reaktion.

»Das BfR teilte uns im vergangenen Jahr mit, keine Kenntnis von diesem Patent zu haben. Wir hatten es übermittelt, aber es wurde nicht kommentiert.«

„Botulismus: Ist Glyphosat mitverantwortlich für Tausende tote Rinder?“, Magazin „FAKT“, Stand: 30.01.2018

Eine Institution, die sich im Auftrag der EFSA eingehend mit dem Wirkstoff Glyphosat auseinandergesetzt hätte, wäre zwangsläufig auf dieses Patent aufmerksam geworden, das von Monsanto bereits im Jahr 2010 veröffentlicht worden ist.

Aber auch an anderen Stellen fallen Missstände auf. So agiert das Institut – abgesehen vom Präsidenten Andreas Hensel und der Presseabteilung – als gesichtslose Institution, in der sämtliche Ergebnisse und Mitteilungen anonymisiert, d.h. ohne verantwortliche Personen oder konkrete Ansprechpartner, zur Verfügung gestellt werden. Dabei ist selbst eine Zeitung dazu verpflichtet, je Ressort Verantwortliche zu benennen, die im Zweifelsfall Rede und Antwort stehen müssen. Warum wird dasselbe Verfahren nicht auch bei einer Behörde angewandt, die Empfehlungen ausspricht, welche nicht nur für die deutsche Bevölkerung gravierende Auswirkungen haben können, sondern für die gesamte Europäische Union? Dieses Gebaren entspricht jedenfalls keineswegs dem Anspruch des BfR, seine Bewertungen und Empfehlungen für den Bürger nachvollziehbar zu gestalten.

Zudem warf Christoph Then, Geschäftsführer der Organisation Testbiotech, dem Institut im Jahr 2012 vor, dass Experten in der Kommission für genetisch veränderte Lebensmittel und Futtermittel ihre Interessenkonflikte nicht offenlegten, was in der EFSA als gravierender Verstoß gewertet würde (Quelle: SZ.de). Warum sollte es sich dann bei den anderen Kommissionen innerhalb des BfR anders verhalten?

Hierauf reagierte das BfR mit einem Papier, welches die Sicherung der Unabhängigkeit des Bundesinstituts für Risikobewertung unter Beweis stellen soll.

Ganz ohne Zweifel hat die Glaubwürdigkeit des Bundesinstituts in den vergangenen Jahren gelitten. Selbst für mich als Laien stellt sich angesichts der angesprochenen Mängel und Anschuldigungen die Frage, inwiefern beim BfR tatsächlich mit der notwendigen Sorgfalt, Umsicht und Unbefangenheit gearbeitet wird, die in einem solch brisanten Bereich unabdingbar sind. Meiner Meinung nach sollte die zukünftige Regierung die Methoden des BfR einer eingehenden Prüfung unterziehen und Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass das Institut seinen angedachten Zweck erfüllen kann und seiner Aufgabe als unabhängige, transparente Behörde nachkommt.


Alternativen zum Herbizid-Wirkstoff Glyphosat

Alternative zum Herbizid-Einsatz: Das Pflügen des Feldes

Sollte Glyphosat tatsächlich eines Tages verboten werden, was wären die Alternativen?

Selbstverständlich könnte man auf andere chemische Herbizide zurückgreifen, deren Einsatz aber in jedem Fall auch wieder mit Nachteilen behaftet ist.

Anders sieht es unter Umständen bei Bio-Herbiziden aus. So entwickelt der italienische Hersteller Novamont aktuell ein Herbizid, welches aus der Distel-Pflanze gewonnen wird (Quelle: SZ.de).

Des Weiteren könnten Unkräuter auf die althergebrachte Weise –  zum Beispiel durch Pflügen – bekämpft werden, was aber mit erhöhter Erosion des Erdreichs verbunden sein kann.

Vermutlich die beste Lösung wäre eine Mischung aus verschiedenen Methoden die abwechselnd zum Einsatz kommen: Der sparsame Einsatz von Herbiziden in Verbindung mit mechanischer Bodenbearbeitung, wechselnder Fruchtfolge und Schaffung von Ausgleichsflächen, die auch Wildpflanzen weiterhin einen Lebensraum bieten. All dies würde zur Strukturvielfalt der Landschaft beitragen. Höchstwahrscheinlich würde eine solche Vorgehensweise mit einer Verteuerung der Lebensmittel einhergehen. Aber sollten uns dies die eigene Gesundheit und der Erhalt der Artenvielfalt nicht wert sein (Quelle: SWR.de)?

Im vierten und letzten Teil der Serie ziehe ich ein abschließendes Fazit zu meinen Recherchen rund ums Thema Glyphosat.