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Glyphosat – eine Substanz, an der sich die Geister scheiden (Teil 4)

Bei Glyphosat - und bei Herbiziden ganz allgemein - findet allmählich ein Umdenken statt

Das Image des Herbizid-Wundermittels hat deutliche Risse bekommen. Auch wenn uns der US-Konzern Monsanto, die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weismachen wollen, dass es sich bei Glyphosat um einen für den Menschen unbedenklichen Wirkstoff handelt, so macht das Gesamtbild deutlich, dass wohl eher das Gegenteil zutrifft. Vielmehr zeichnet sich ab, dass selbst Forscher und Experten nicht absehen können, welche Auswirkungen der Wirkstoff langfristig auf Mensch und Umwelt haben wird:

»Das ist immer das Problem mit Gefahren in der Umwelt: Es ist unmöglich, alle Interaktionen zu testen.«

Maria Finckh (Agrarwissenschaftlerin) im Interview mit Pamela Dörhöfer auf FR.de, Stand: 30.01.2018

Trotzdem muss der offensichtliche Widerspruch verschiedener Institutionen und Studien zwingend ausgeräumt werden. Ähnlich sieht es die Bundesumweltministerin in einer Stellungnahme:

»Die internationale Agentur für Krebsforschung der WHO hat bekanntlich letztes Frühjahr veröffentlicht, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen sei. Das Bundesinstitut für Risikobewertung als zuständige deutsche Behörde hingegen bleibt auch nach Prüfung der WHO-Veröffentlichung bei seiner Auffassung, dass Glyphosat kein Risiko birgt, Krebs zu erzeugen. Dieser Widerspruch muss aus meiner Sicht restlos aufgeklärt werden, bevor eine Entscheidung über Glyphosat getroffen wird.«

„Statement von Dr. Barbara Hendricks zur Wiederzulassung von Glyphosat“ vom 06.04.2016 im Internetauftritt des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Stand: 01.02.2018


Übersicht

Zum ersten Teil der Serie

Zum zweiten Teil der Serie

Zum dritten Teil der Serie

6.1 Die Dosis macht das Gift

6.2 Die Fronten verhärten sich zunehmend

6.3 Abschließende Bemerkung zur Dokumentation „Roundup, der Prozess“

6.4 Persönliches Fazit


Die Dosis macht das Gift

Allerdings denke ich auch, dass es falsch wäre, Glyphosat zu verteufeln. Wie bei jedem Werkzeug kommt es darauf an, wie es vom Mensch eingesetzt wird. Wird es verantwortungsbewusst und umsichtig eingesetzt, können die Vorteile überwiegen. Geht er allerdings allzu sorglos und unbedacht damit um, kann das schwerwiegende Konsequenzen für uns und unsere Umwelt haben. Allein die Zunahme von Unkraut, das gegen Glyphosat resistent ist, führt uns diesen Umstand vor Augen. Langfristig ist es in unser aller Interesse, die Mengen an ausgebrachten Herbiziden insgesamt zu reduzieren, da es sich hierbei um Giftstoffe handelt, die immer mit Nachteilen einhergehen und am Ende direkt oder indirekt auf unserem Teller landen.

»Statt des Verbots einer einzelnen Substanz wäre eine generelle Reduzierung des Herbizideinsatzes sinnvoll.«

Silvia Pieper, Expertin beim Umweltbundesamt (UBA), im Artikel „Pflanzenschutzmittel: Angstwort „Glyphosat“ – Die 7 wichtigsten Fragen“ auf WELT.de, Stand: 31.01.2018

Insofern machte mir die Ankündigung von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) Hoffnung, die im Dezember 2017 mitteilte, den Einsatz von Glyphosat so weit wie möglich beschränken zu wollen (Quelle: tagesschau.de). Tatsächlich setzte sie ihr Ansinnen bei den Sondierungsgesprächen im Januar 2018 auch gleich in die Tat um (Quelle: Handelsblatt). Mit einem Verbot des Wirkstoffs im privaten und öffentlichen Sektor stünde Deutschland in der Europäischen Union nicht allein da. In den Niederlanden ist Glyphosat bereits für den kommunalen Gebrauch – mit Ausnahme von Bahngleisen und Fluglandebahnen – gänzlich verboten (Quelle: WELT.de).


Die Fronten verhärten sich zunehmend

Neben den Verboten von Glyphosat in Sri Lanka, El Salvador und Bermuda (Quelle: WELT.de) nimmt auch der Widerstand in Argentinien, einer Hochburg für den Anbau von gentechnisch veränderten Organismen, weiter zu. So wurde in der Stadt Rosario (Santa Fe) im Dezember 2017 – trotz erbitterten Widerstands der Agrarverbände – schließlich ein Verbot wirksam, das die weitere Verwendung des Herbizids untersagt (Quelle: Weltagrarbericht.de).

Aber auch die Glyphosat-Befürworter bringen sich mit ihren Argumenten in Stellung. Selbst die Bundesumweltministerin hat das zu spüren bekommen und sah sich veranlasst, ihre Entscheidung zu rechtfertigen:

»In den letzten Tagen hat meine Entscheidung/die Entscheidung der SPD-Ministerinnen und -Minister durchaus Kritik bekommen. Kritiker sagen, unsere Begründung sei in der Sache falsch: Man könne einen Stoff nicht deshalb verbieten, weil er das Potential hat krebserzeugend zu sein. Man dürfe ihn nur dann verbieten, wenn es eine hinreichend große Wahrscheinlichkeit gibt, dass er bei soundsovielen Menschen zum Krebs führt. Diesen Ansatz nennt man Risikobewertung und er gilt als gutes wissenschaftliches Vorgehen. Ein solches „gutes wissenschaftliches Vorgehen“ sollte aber nicht dazu missbraucht werden, um Entscheidungen gegen bedenkliche Stoffe zu verhindern.«

„Statement von Dr. Barbara Hendricks zur Wiederzulassung von Glyphosat“ vom 06.04.2016 im Internetauftritt des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Stand: 01.02.2018


Abschließende Bemerkung zur Dokumentation „Roundup, der Prozess“

Auch wenn die Dokumentation „Roundup, der Prozess“ (siehe hierzu Anmerkungen im ersten Teil der Serie) viele Themen anspricht, die darauf hindeuten, dass Glyphosat ein für Mensch und Umwelt gefährlicher Wirkstoff ist, so handelt es sich um Indizien und keine stichhaltigen Beweise. Dennoch erwies sich die Dokumentation als nützlich, um sich an den zahlreichen Informationen zu diesem Thema entlang zu hangeln – in dieser Hinsicht kann ich der Dokumentation eine klare Empfehlung aussprechen.

Was mich massiv gestört hat, war das „Monsanto-Tribunal“. Dabei handelt es sich in erster Linie um einen Schauprozess. Zwar ging mir das Schicksal der betroffenen Menschen durchaus nah. Und es mag auch richtig sein, dass der US-Konzern Monsanto den Wirkstoff Glyphosat in Verbindung mit seinen gentechnisch veränderten Nutzpflanzen salonfähig gemacht hat. Aber seit Auslaufen des Patents auf den Wirkstoff im Jahr 2000 werden Glyphosat-Produkte auch von anderen Unternehmen hergestellt und vertrieben. Monsanto nun zum universellen Feind zu stilisieren mag praktisch, in manchen Fällen sogar verständlich sein; letzten Endes lenkt es aber von den eigentlichen Fragestellungen ab, die zum Wirkstoff Glyphosat beantwortet werden müssen. Mit einer ähnlichen Argumentation könnte z.B. auch die weltweite Automobilindustrie oder die industrielle Landwirtschaft (Massentierhaltung) angeklagt werden. Auf diese Weise werden keine konstruktiven Diskussionen angestoßen, sondern die Polarisierung weiter vorangetrieben.


Persönliches Fazit

Glyphosat und andere Herbizide können die Artenvielfalt beeinträchtigen

Ich selbst kam zu der Überzeugung, dass der Einsatz von Herbiziden generell auf ein Minimum beschränkt werden sollte – was den Wirkstoff Glyphosat mit einschließt.

Die generelle Unschuldsvermutung, die für einen Menschen gilt, halte ich bei einem Produkt oder einer Substanz für nicht gerechtfertigt. Mögliche Schäden an Mensch und Umwelt wiegen meines Erachtens nach schwerer als die finanziellen Interessen von Unternehmen und Landwirten, für die im Bedarfsfall ein Ausgleich geschaffen werden kann. Meist ist der Schaden schnell angerichtet. Die Finanzkrise 2007 oder die Beseitigung von Atommüll lehren uns, dass die Schadensbereinigung oder Beseitigung von Missständen gerne von den Verantwortlichen auf den Staat und die Gesellschaft übertragen werden. Die Gewinne hingegen, die bis dahin erwirtschaftet wurden und in private Hände geflossen sind, stehen dann nicht mehr zur Debatte. Dies kann nicht in unserem Interesse sein. Dem Vorsorgeprinzip muss daher unbedingt der Vorzug gegeben werden.

Hoffnung macht mir, dass sich in Deutschland allmählich ein Umdenken in der Landwirtschaft abzuzeichnen beginnt. So stellte die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) unlängst fest, dass Landwirte zu viel Kunstdünger und Pestizide auf den Äckern ausbrächten und zu oft auf Monokulturen setzten (Quelle: ZEIT ONLINE, der Artikel ist nur eingeschränkt frei verfügbar).

Bei der DLG-Klausurtagung „Landwirtschaft 2030“, die am 11. und 12. Oktober 2016 in Frankfurt am Main stattfand, kamen die Teilnehmer in ihren 10 Thesen u.a. zu folgenden Ergebnissen:

»Die wissens- und innovationsbasierte Landwirtschaft hat zu beachtichen Produktivitätsschüben geführt. An einigen Punkten überschreitet der Modernisierungspfad allerdings die Grenzen der Nachhaltigkeit und er gefährdet die Resilienz der Systeme.«

»Resistenzen gegen Pflanzenschutzmittel nehmen infolge zu stark zugespitzter acker- und pflanzenbaulicher Verfahren zu. Daher müssen Mindestansprüche an Fruchtfolgen formuliert und eingehalten werden.«

„Signale erkennen. Weichen stellen. Vertrauen gewinnen.“ im Internetauftritt der DLG e. V, Stand: 02.02.2018

Diese Aussagen können definitiv als partielle Abkehr von der industriellen Landwirtschaft verstanden werden. Denn auch dort hat man inzwischen erkannt, dass chemische Wirkstoffe nicht der Weisheit letzter Schluss sind:

»Mehr noch, die Agrarchemie versagt immer öfter bei ihrer eigentlichen Aufgabe: als Mittel gegen Unkräuter und –gräser.«

„Landwirtschaft: Revolution in Sicht“ von Christiane Grefe auf ZEIT ONLINE (Artikel nur eingeschränkt frei verfügbar), Stand: 02.02.2018

Bekanntlich ist Einsicht der erste Schritt zur Besserung. Eines Tages wird vielleicht der Einsatz von Glyphosat auf unseren Feldern überhaupt nicht mehr notwendig sein. Wenn sich diese Entwicklung dann auch noch weltweit durchsetzt, wäre schon viel gewonnen. Uns Verbrauchern kommt dann die nicht weniger wichtige Aufgabe zu, die Landwirte bei dieser Wende zu unterstützen, indem wir sie für die „unbelasteten“ Produkte, mit denen sie uns versorgen, ordentlich bezahlen.

»Es liegt in unserem Interesse, die Preise für Lebensmittel auf einem Niveau zu halten, welches es den Bauern erlaubt, ihre Ertragssituation weiter zu verbessern.«

Craig Privos im Roman „Die Chronik von Calveron: Der Absolvent“ von Rodrik Andersen.